Ernährung und Gesundheit: Fettleber und metabolische Auffälligkeiten können schon im Grundschulalter drohen - Ernährung und Lebensstil können Stoffwechselstörungen bei Kindern bewirken

Fettleber – kaum eine andere Erkrankung wird so sehr mit Alkoholmissbrauch in Verbindung gebracht wie diese Organstörung. Doch nicht immer ist Alkohol der Grund. Die Leber kann ganz ohne Alkoholkonsum verfetten und krank werden. Warum? Das ist noch nicht eindeutig geklärt. Jetzt zeigte eine Langzeitstudie, dass bereits Kinder im Grundschulalter gefährdet sein können, eine Fettleber, aber auch Bluthochdruck und andere metabolische Auffälligkeiten zu entwickeln. Tückisch dabei ist, dass diese Störungen nicht ohne Weiteres sichtbar sind und bei den gängigen Vorsorgeuntersuchungen oftmals nicht auffallen. (Newsletter 68 / Juni 2014)

Bildquelle: Friedrich Schiller Universität Jena„Selbst normal- oder leicht übergewichtige Kinder haben oftmals schon beunruhigende Stoffwechselwerte“, sagt Professorin Ina Bergheim.Stellen wir uns ein Mädchen vor, acht Jahre. Es geht in die Grundschule und spielt in der Freizeit gerne Hockey. Es ist nicht dünn und nicht dick, hat vielleicht noch etwas Babyspeck auf den Rippen. Die Kinderärztin hat in den üblichen Vorsorgeuntersuchungen nichts Besorgniserregendes festgestellt. Das Mädchen ist scheinbar gesund. Aber was in den gängigen Vorsorgeuntersuchungen bisher nicht geprüft wird: Leichtes Übergewicht bei Kindern kann später einen Leberschaden oder andere metabolische Auffälligkeiten, wie etwa Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen, auslösen. Die Leberwerte im Blut der Kinder können unter anderem auf solch ein Risiko hinweisen. Die hierfür notwendigen Bluttests sind allerdings bei den Vorsorgeuntersuchungen für Kinder zurzeit nicht vorgesehen.

Gesundheitsrisiko schon bei Grundschulkindern

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gingen lange davon aus, dass sich die Folgen von Übergewicht erst im Erwachsenenalter zeigen: Bluthochdruck, erhöhte Fett- und Zuckerwerte; alles typische Anzeichen eines metabolischen Syndroms. So bezeichnen Fachleute das gleichzeitige Auftreten von mehreren Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Überernährung und Bewegungsmangel führen dazu, dass der Stoffwechsel dauerhaft geschädigt ist. Betroffene können beispielsweise an einer bestimmten Form von Diabetes mellitus erkranken und müssen dann oft zu Medikamenten greifen.

Die Risikofaktoren sind bislang fast ausschließlich bei Erwachsenen gemessen worden. Forscher und Ärzte gingen lange davon aus, dass sich Übergewicht bei Kindern gesundheitlich erst im Erwachsenenalter bemerkbar macht. Dass dies nicht so ist, zeigt nun eine Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.

Alarmierende Ergebnisse

Bildquelle: Friedrich Schiller Universität JenaÜbergewicht im Kindesalter erhöht das Risiko für einen Leberschaden und andere metabolische Auffälligkeiten. „Wir waren selbst überrascht über die Ergebnisse“, sagt Dr. Ina Bergheim. Sie ist Professorin für Ernährungswissenschaften an der Universität Jena und leitet die Studie. Sie und ihre Arbeitsgruppe gehören zu den insgesamt sieben Gewinnern des bundesweiten Nachwuchsgruppen-Wettbewerbs „Molekulare Grundlagen der humanen Ernährung“. „Eigentlich wollten wir in unserer Studie herausfinden, ob eine Verminderung der Fruchtzuckeraufnahme übergewichtige Jungen und Mädchen im Grundschulalter vor der Entstehung von Fettleber und anderen metabolischen Auffälligkeiten schützt. Doch unsere Ergebnisse zeigen bisher, dass selbst normal- oder leicht übergewichtige Kinder – und hierbei vor allem Mädchen – schon beunruhigende Stoffwechselwerte haben“, fährt die Wissenschaftlerin fort.

Bildquelle: ThinkstockIn den gängigen Vorsorgeuntersuchungen bleiben Leberveränderungen und andere metabolische Auffälligkeiten oftmals unerkannt.In der Studie wurden insgesamt 100 über- und 51 normalgewichtige Grundschulkinder aus Stuttgart untersucht. Am Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft Hohenheim bei Stuttgart forschte Bergheim, bevor sie einen Ruf auf eine Professur in Jena erhielt. Alle diese Kinder wurden in den gängigen Vorsorgeuntersuchungen, den sogenannten U-Untersuchungen, von einer Kinderärztin oder einem Kinderarzt als körperlich gesund eingestuft. Zusätzlich zu den üblichen Untersuchungen wurden nun aber auch Blutfett- und Blutzuckerwerte sowie andere Faktoren wie beispielsweise der Blutdruck gemessen. Ebenfalls wurde durch einen Fragebogen das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Kinder eingeschätzt. Das Ergebnis: Über drei Viertel der übergewichtigen Kinder hatten auffällige Befunde bei den Blutwerten. Aber auch jedes siebte normalgewichtige Kind wies bislang unerkannte Leberveränderungen und andere metabolische Auffälligkeiten auf.

Noch nicht zu spät

Bildquelle: PT DLR/BMBFOb in der Schulbank oder zu Hause bei den Hausaufgaben: Ab der Einschulung sitzen Kinder viel mehr als vorher.„Das ist ein alarmierendes Zeichen“, sagt Bergheim. „Aber wenn wir zukünftig bei Kindern bereits früher als bislang erkennen können, ob der Stoffwechsel gestört ist, könnten durch frühe Prävention spätere Gesundheitsschäden vermieden werden.“

Was nicht zu unterschätzen ist: Durch die Einschulung ändert sich das bisherige Lebensumfeld der Kinder in besonderem Maße. Sie sitzen nun regelmäßig und über einen längeren Zeitraum, ob in der Schule oder bei den Hausaufgaben. „Wir haben herausgefunden, dass bei Kindern offenbar vor allem eine andauernde sitzende Tätigkeit, aber auch Übergewicht der Mutter die größten Gefahren für die Entstehung metabolischer Auffälligkeiten sind“, erklärt Ina Bergheim. „Wobei Mädchen offenbar schon bei weniger hohem Gewicht betroffen sind als Jungen“, ergänzt sie.


Nachwuchsförderung in der Ernährungsforschung

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert seit 2008 im bundesweiten Wettbewerb „Molekulare Grundlagen der humanen Ernährung“ selbstständige Nachwuchsgruppen im Bereich Ernährungsforschung. Qualifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler haben durch die Förderung die Möglichkeit, sich mit einer Arbeitsgruppe in der internationalen Forschungslandschaft zu etablieren.
Ziel ist, bisher ungeklärte Forschungsfragen, beispielsweise wie Nahrungsmittel und -bestandteile auf unseren Stoffwechsel wirken, mit neuartigen Forschungsansätzen zu beantworten.
Die Nachwuchsgruppe um Ina Bergheim ist eine von sieben Nachwuchsgruppen. Ihre Arbeitsgruppe erforscht unter anderem den Einfluss bestimmter Diäten auf die Entstehung von nichtalkoholabhängiger Fettleber. Neben der Forschung an Tiermodellen nutzt sie hierfür auch klassische Methoden der Epidemiologie. Konkret untersucht sie in einer Langzeitstudie den Einfluss der Ernhrung auf den Stoffwechsel bei Grundschulkindern. Diese Studie gehört weltweit zu den wenigen Studien, die außerhalb eines klinischen Umfelds die Ernährungsgewohnheiten von Kindern in so jungem Alter über längere Zeit beobachten. Ergebnisse eines weiteren Forschungsprojektes aus dem BMBF-Nachwuchswettbewerb Ernährungsforschung lesen Sie hier.

Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Ina Bergheim
Institut für Ernährungswissenschaften
Friedrich Schiller Universität Jena
Dornburger Straße 29
07743 Jena
Tel.: 03641 9496-70
Fax: 03641 9496-72
E-Mail: Ina.Bergheim@uni-jena.de