November 2017

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Epstein-Barr-Virus: Von harmlos bis folgenschwer

DZIF-Wissenschaftler ergründen die Ursachen schwerwiegender Verläufe des Pfeifferschen Drüsenfiebers und suchen nach den „Risikomarkern“. Darüber hinaus wird der Zusammenhang zwischen dem Krankheitserreger – dem Epstein-Barr-Virus – und Krebs untersucht.

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Mehr als 90 Prozent der Menschen infizieren sich im Laufe des Lebens mit dem Epstein-Barr-Virus, kurz EBV genannt. Die Infektion erfolgt in der Regel im jungen Kindesalter, verläuft dann meist ohne Symptome und bleibt bei den meisten Menschen folgenlos. Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann sich die frische Infektion jedoch als sogenanntes Pfeiffersches Drüsenfieber (infektiöse Mononukleose) äußern. Das Pfeiffersche Drüsenfieber geht typischerweise mit Fieber, Müdigkeit, Halsschmerzen und geschwollenen Lymphknoten einher, verläuft aber meist harmlos und heilt in der Regel rasch aus. Bei einigen Erkrankten zeigen sich jedoch lebensbedrohliche Komplikationen, wie Atemnot, Milzriss oder Blutzellmangel, oder außerordentlich langwierige Verläufe, zum Beispiel mit chronischem Müdigkeitssyndrom. Auch scheint in der Folge eines Pfeifferschen Drüsenfiebers das Risiko für die Entwicklung einer Multiplen Sklerose oder eines Hodgkin-Lymphoms erhöht zu sein.

Das Epstein-Barr-Virus, hier in Leukämiezellen grün angefärbt

Das Epstein-Barr-Virus, hier in Leukämiezellen grün angefärbt

CDC/Dr. Paul M. Feorino

Prof. Uta Behrends, TU München

Prof. Uta Behrends, TU München

TUM/Uta Behrends

„In einigen Fällen können bestimmte angeborene Immundefekte als Ursache für ungewöhnliche Verläufe der Infektion identifiziert werden, in den meisten Fällen bleiben die Ursachen jedoch unbekannt“, erklärt Professorin Uta Behrends von der Technischen Universität München. Die Kinderärztin möchte diesen Ursachen auf den Grund gehen. Im DZIF koordiniert sie daher die umfassende IMMUC-Forschungsstudie, in der die Risikoparameter für schwere oder besonders langwierige Verläufe identifiziert und damit auch die Behandlungsmöglichkeiten verbessert werden sollen.

IMMUC-Studie erfolgreich gestartet

Die Studie unter dem Kürzel IMMUC (Studie zur infektiösen Mononukleose in München) wurde 2016 als Pilotprojekt gestartet; sie bindet zwölf DZIF-Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten sowie zahlreiche Münchner Kinderarztpraxen und -kliniken ein und ist damit weltweit einzigartig. 50 junge Patientinnen und Patienten mit frisch diagnostiziertem Pfeifferschen Drüsenfieber beteiligten sich an dem Pilotprojekt, das vor Kurzem abgeschlossen wurde. Sie kamen aus mehr als 20 Gesundheitseinrichtungen in der Region München. Alle Teilnehmenden wurden zu vier verschiedenen Zeitpunkten bis sechs Monate nach Erkrankungsbeginn mit hochmodernen virologischen und immunologischen Tests untersucht und individuell zu ihrem Erkrankungsverlauf beraten.

Vom Pilotprojekt zur Studie

Dank des erfolgreichen Verlaufs des Pilotprojekts wurde kürzlich die volle IMMUC-Studie mit weiteren 150 Erkrankten gestartet, sodass insgesamt Ergebnisse von 200 Patientinnen und Patienten erwartet werden dürfen. Im Rahmen dieser großen IMMUC-Gesamtstudie erfolgt eine umfassende Suche nach neuen Ansatzpunkten für die Diagnose, Verlaufskontrolle, Therapie und Prävention von EBV-Erkrankungen.

Das elektronenmikroskopische Bild zeigt das Epstein-Barr-Virus. Der typische Aufbau des 170 μm großen Virus besteht aus Virushülle, Tegument und Capsid, welches die DNA umschließt (von außen nach innen).

Das elektronenmikroskopische Bild zeigt das Epstein-Barr-Virus. Der typische Aufbau des 170 μm großen Virus besteht aus Virushülle, Tegument und Capsid, welches die DNA umschließt (von außen nach innen).

DKFZ/H.-J. Delecluse

In drei Jahren werden die Ergebnisse aller beteiligten Forschergruppen an der Technischen Universität München, der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Helmholtz Zentrum München, dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg, der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Centrum für Chronische Immundefizienz in Freiburg vorliegen und statistisch ausgewertet sein. Gleichzeitig werden in der Studie Laborverfahren für den Gebrauch in der klinischen Routinediagnostik weiterentwickelt.

„Wir erwarten, dass wir mit den Daten dieser Studie und den Tools, die wir entwickeln, viele Fragen zum unterschiedlichen Verlauf von EBV-Infektionen beantworten können“, erklärt Behrends. Zusätzlich zur IMMUC-Studie widmen sich die Forscher auch anderen gut- und bösartigen EBV-assoziierten Er-krankungen sowie der Weiterentwicklung der EBV-spezifischen Zelltherapie und eines schützenden Impfstoffs.

EBV-Infektionen und Krebsgefahr

Prof. Henri-Jaques Delecluse, DKFZ

Prof. Henri-Jaques Delecluse, DKFZ

DKFZ/Jutta Jung

Der Ruf nach einem Impfstoff gegen EBV wird lauter, seit am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und am DZIF die krebstreibende Wirkung des Virus genauer entschlüsselt wurde. Die Heidelberger Wissenschaftler zeigten erstmals, dass ein bestimmter Proteinbestandteil des EBV die Krebsentstehung antreibt. „Alle bislang untersuchten Tumorviren des Menschen lösen Krebs auf eine völlig andere Art und Weise aus“, erklärt Professor Henri-Jacques Delecluse, DZIF-Wissenschaftler am DKFZ und Leiter verschiedener Forschungsprojekte zur krebserregenden Wirkung des EBV. In der Regel müsse Erbmaterial des Virus dauerhaft in der infizierten Zelle vorliegen, sodass Virusgene abgelesen werden, die dann die Krebsentstehung fördern.

Wie viele Tumoren auf das Konto von EBV gehen, ist derzeit noch offen. Delecluse und seine Kollegen befürchten, dass manche Krebserkrankungen bisher nicht mit EBV in Verbindung gebracht wurden, weil das virale Erbgut nicht zu finden war. Die Wissenschaftler fordern nun die schnelle Entwicklung einer Schutzimpfung gegen EBV. „Bereits die erste Infektion“, so betont Delecluse, „stellt ein Krebsrisiko dar.“ Prototypen eines solchen Impfstoffs haben Delecluse und sein Kollege Professor Wolfgang Hammerschmidt, ebenfalls DZIF-Wissenschaftler, vor einigen Jahren auf der Basis sogenannter „virusähnlicher Partikel“, kurz VLPs, entwickelt. Diese leeren Kapseln aus Virusproteinen enthalten kein Erbgut, gaukeln aber dem Immunsystem eine EBV-Infektion vor.

Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF)

Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) entwickeln bundesweit mehr als 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 35 Institutionen gemeinsam neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten. Das DZIF ist eines von sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG), die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zur Bekämpfung der wichtigsten Volkskrankheiten ins Leben gerufen wurden.

Mehr Informationen finden Sie unter www.dzif.de.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Uta Behrends
IMMUC-Studie
Kinderklinik der Technischen Universität München
und
Abteilung Genvektoren am Helmholtz Zentrum
München
Uta.Behrends@mri.tum.de

Prof. Dr. Dr. Henri Jacques Delecluse
Pathogenese infektionsbedingter Tumoren
DKFZ
h.delecluse@dkfz.de

Pressekontakt:
DZIF-Pressestelle
Karola Neubert und Janna Schmidt
presse@dzif.de